Was die beiden Damen sonst noch gemeinsam haben, weiß ich nicht so Recht, aber eins verbindet sie auf jeden Fall – sie wurden kürzlich mit bedeutenden Sprach- bzw. Literaturpreisen ausgezeichnet.
Cornelia Funke mit dem Jacob-Grimm Preis für Deutsche Sprache, der seit 2001 an Personen verliehen wird, die sich (wie ihr Namensgeber
) in besonderem Maße um die Anerkennung, Weiterentwicklung und Pflege des Deutschen als Kultursprache“ verdient gemacht haben.
Sie erhielt den Preis dafür, dass es in ihren Büchern „nicht nur auf eine spannungsreiche Handlung, sondern auch auf die sprachliche Form ankommt“ und sie „Freude am Spiel mit der Sprache nicht zuletzt an den Titeln ihrer Bücher und den Namen von Figuren ihrer Geschichten“ zeigt.
Auch wenn ich keines ihrer Bücher gelesen habe, kann ich einen Teil dieser Aussage bestätigen. Als Vater zweier Mädchen bin ich öfters Mal in der Situation, mir Kinofilme anschauen zu „müssen“, bei denen ich von alleine nicht auf die Idee verfallen wäre, sie anzusehen. So haben mich meine Töchter u. a. auch in „Die Wilden Hühner“ und „Der Herr der Diebe“ geschleppt – und ich fand die Verfilmungen recht kurzweilig.
Friederike Mayröcker wurde mit dem Hermann-Lenz-Preis ausgezeichnet, der seit 1999 an deutschsprachige Schriftsteller verliehne wird. In ihrer Begründung erklärte die Jury, der u. a. der Schriftsteller Peter Handke angehört: „Die vielfach ausgezeichnete Autorin soll besonders für ihren zuletzt erschienenen Gedichtband, ‚Scardanelli’, geehrt werden, der auf einzigartige Weise die weitgespannte poetische Arbeit dieser Sprachkünstlerin zusammenfasst.“
Das sehe ich ganz ähnlich. Friederike Mayröcker gilt als eine der bedeutendsten österreichischen zeitgenössischen Lyrikerinnen. Sie verfasste auch Hörspiele, einige davon gemeinsam mit Ernst Jandl, mit dem sie von 1954 bis zu dessen Tod im Jahr 2000 zusammen lebte (eine Beziehung, die einige der schönsten Liebesgedichte hervorgebracht hat, die ich kenne).
Der Titel „Scardanelli“ ist Programm – er verweist auf die zweite Lebenshälfte des Dichters Friedrich Hölderlin. Dieser wurde 1806 in die Universitätsklinik Tübingen eingeliefert, Diagnose: „Wahnsinn“. Einige Wochen später wurde er einer Pflegefamilie anvertraut, da er als unheilbar krank galt und die Ärzte mit seinem baldigen Ableben rechneten. Was Hölderlin jedoch nicht daran hinderte, noch 36 Jahre lang zu leben und zu schreiben.
Für seine früheren Gedichte, die man ihm in dieser Zeit vorlegte, bestätigte er zwar die Autorschaft, meinte aber, der Name sei gefälscht:
„Ich habe niemals Hölderlin geheißen, sondern Scardanelli!“
Seitdem ist der Name mit Hölderlins Werk untrennbar verbunden.
Ich habe den Gedichtband der Mayröcker nur kurz in der Hand gehalten – und nur eines der 40 Gedichte gelesen, aber das animierte mich schwer zum Weiterlesen:
„Ich möchte leben / Hand in Hand mit Scardanelli / das Lamm in meinem Bett / die Schäbigkeit meiner Zwischenzeit ekstatisch ahnungslos (ent- / flammt) wie damals als Vater mich fotografierte in meinem / weiszen Kleid und 1 Strähne Haar (hatte den Kopf gedreht) / ins Auge wehte -“
Da ärgert es mich schon ein wenig, dass ich einen Dokumentarfilm über sie verpasst bzw. überhaupt nicht mitbekommen habe, der Ende letzten Jahres in die Kinos kam: „Das Schreiben und das Schweigen. Die Schriftstellerin Friederike Mayröcker.“ Hintergrund: Die italienische Regisseurin beobachtete über Jahre hinweg die heute 84-jährige Schriftstellerin in deren Arbeitsalltag. Der mittlerweile so aussieht, dass sie sich, umgeben von unzähligen Manuskripten und Skizzen, radikal der Außenwelt entzieht, um sich still in ihre inneren Bilder zu versenken.
So, und jetzt eines meiner absoluten Lieblingsgedichte:
MANCHMAL BEI IRGENDWELCHEN ZUFÄLLIGEN BEWEGUNGEN
streift meine Hand deine Hand deinen Handrücken
oder mein Körper der in Kleidern steckt lehnt fast ohne es zu wissen
einen Augenblick gegen deinen Körper in Kleidern
diese kleinsten beinahe pflanzlichen Bewegungen
sein abgewinkelter Blick und dein Auge absichtlich ins Leere
wandernd
deine im Ansatz noch unterbrochene Frage wohin fährst du im
Sommer
was liest du gerade
gehen mir mitten durchs Herz
und durch die Kehle hindurch wie ein süszes Messer
und ich trockne aus wie ein Brunnen in einem heiszen Sommer
(Friederike Mayröcker)





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